Steinblog

Zeitzeugenvortrag: „Wir waren jung, verliebt, voller Optimismus. Wir hatten keine Angst.“ (Harald Korth)

Mit diesen Worten beschrieb Dr. Harald Korth am vergangenen Freitag, den 21.03.2025 die Flucht seiner Frau Karin aus der damaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik). In einem sehr persönlichen Gespräch erzählte Herr Korth den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe Q2 von ihrer bewegenden Fluchtgeschichte.

Zu Beginn seines Vortrags beschrieb Herr Korth zunächst ganz allgemein den Alltag und die Lebensbedingungen in der DDR. Er berichtete von verschiedenen Beschränkungen und Zäsuren, wie beispielsweise dem eingeschränkten Zugang zu (West-) Nachrichten, zeitkritischer Literatur oder (westlicher) Musik. Er schilderte, wie das Ministerium für Staatsicherheit (Stasi) die Bürgerinnen und Bürger der DDR bedrängte und ausspionierte („Die Ohren der Stasi waren überall“). Durch Druck und staatliche Repressalien versuchte das diktatorische Regime nicht selten, die Menschen als inoffizielle Mitarbeitende (IMs) anzuwerben und lockte damit, zum Beispiel leichter ein angestrebtes Studium ergreifen zu können oder eine gewünschte Wohnung zu bekommen. Freie Meinungsäußerung und Kritik am politischen System waren ebenfalls nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich.  

Anschließend erfuhren wir, wie die beiden sich kennenlernten. Ende der 1960er Jahre studierte Harald Korth, der 1945 in Schleswig-Holstein geboren wurde, Wirtschaftsingenieurwesen in Berlin. Die Arbeit an seiner Promotion führte Harald auch nach Beendigung seines Studiums immer wieder nach Westberlin und schließlich auch nach Dresden. Durch weitreichende familiäre Verflechtungen lernte er dort seine spätere Ehefrau Karin (geb. 1951) kennen. Rasch verliebten sich die beiden ineinander. Getrennt durch die Mauer „konnte man sich nicht einfach sehen“, weshalb die beiden frisch Verliebten zunächst eine Weile Briefkontakt hielten. Wenn es die Umstände erlaubten, trafen sich zudem ab und an in Ostberlin („Treffpunkt Alexanderplatz unter der Weltuhr“).

Im weiteren Verlauf des Vortrags schilderte Herr Korth, wie er mithilfe der Fluchthilfeorganisation Mierendorff die Flucht seiner späteren Frau Karin aus der DDR plante, um mit ihr im westlichen Deutschlands ein Leben in Freiheit zu beginnen. Die Flucht, die im Kofferraum des Fluchtautos vonstatten ging, war nicht nur äußerst eilig organisiert und überstürzt, sondern überdies, so betonte es Harald mehrfach, auch sehr gefährlich. Gleichwohl haben es beide „bis heute nie bereut, für uns fing eine wunderschöne Zeit zusammen an“.

Wieviel Glück die beiden tatsächlich hatten („Ich habe nicht darüber nachgedacht, welche Konsequenzen das alles haben kann“), realisierten sie erst im Nachhinein. So wurde der Fahrer des Fluchtwagens, in dem Karin 1973 die Grenze zur BRD passierte, kurze Zeit später bei einem weiteren Fluchtversuch festgenommen und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Erst nach der Wende 1990 wurde bekannt, dass die Staatssicherheit an den Grenzübergängen zur Bundesrepublik nicht nur Spürhunde, sondern auch Infrarotgeräte und Röntgenapparate einsetzte, um etwaige Fluchtversuche zu vereiteln.

Auch nach nun mehr über fünfzig Jahren sind sich die Eheleute Korth darüber bewusst, dass sie „wahnsinniges Glück“ hatten. Viele andere hingegen hatten weitaus weniger Glück. Misslungene Fluchtversuche wurden oftmals mit drakonischen Strafen (lange Inhaftierungen, psychischer Folter, Isolation) belegt und verursachten für die Betroffenen unermessliches Leid. Auch Karin plagten nach ihrer erfolgreichen Flucht noch langanhaltende Angstzustände, Albträume und weitere gesundheitliche Probleme. Das Wissen darum, dass man selbst im Westen nicht sicher sein konnte (nicht selten entführte die Stasi Geflüchtete und brachte sie gewaltsam zurück auf das Staatsgebiet der DDR), bedrückten die junge Frau sehr („Ich hatte Angst, es würde nachts an der Tür klopfen“). Hinzu kam der Schmerz über die Trennung von ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder, die zurückblieben. All dies machte Karin schwer zu schaffen. Ein unbeschwertes Wiedersehen wurde erst nach dem Fall der Mauer im Herbst des Jahres 1989 möglich.

 

Im Namen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums danken wir dem Ehepaar Korth für ihren Besuch an unserer Schule und ihr persönliches Engagement. Ihre beeindruckende Geschichte macht uns allen bewusst, wie glücklich wir uns schätzen können, in einem Land zu leben, in dem Menschen nicht unterdrückt, verfolgt und willkürlich verhaftet werden. Angesichts gegenwärtiger antidemokratischer Tendenzen ist es wichtiger denn je, dass wir uns alle weiterhin gemeinsam einsetzen für Werte wie Toleranz und Menschlichkeit, Freiheit und Solidarität.

Bergmann (für die Fachschaft Geschichte)

 

Abschließend sollen unsere Schülerinnen und Schüler selbst zu Wort kommen. Hier einige Impressionen, was sie aus dem Vortrag mitgenommen haben:

„Ich persönlich fand den Vortrag sehr interessant. Es war sehr spannend, von den persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen aus dieser Zeit zu hören.“

„Es war für mich schlimm und erschreckend zu hören, wie Karins Bruder von seinem besten Freund abgehört und verraten wurde, vor allem, wenn man darüber nachdenkt, wie das heute für einen selbst wäre.“

„Man hat seine Träume nicht aufgeben wollen, egal, wie schwer das Leben war, das man gelebt hat.“

„Es hat mich schockiert zu hören, dass solche Selbstverständlichkeiten wie Reisen ins Ausland oder das Kaufen von Obst in der DDR nicht alltäglich waren.“

„Die extreme technische Überwachung der Menschen war sehr absurd und besorgniserregend.“

„Was ich sehr besonders an der Flucht fand, war durch wie viele Zufälle und Glück diese überhaupt erst erfolgreich war.“

„Es war spannend, all dies von jemandem zu hören, der es selbst miterlebt hat.“

„Es ist schön zu hören, dass man trotz der Vergangenheit, die von Isolation und von Misstrauen unter Familienmitgliedern oder Freunden geprägt war, im Nachhinein noch Freundschaften schließen und ein neues Leben beginnen konnte.“

„Erschreckt hat mich, wie lange sich die Stasi noch für bereits Geflüchtete interessiert hat.“

„Es war eine sehr emotionale und süße Liebesgeschichte.“

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